Mapping the Movement: Die Erstellung von Karten von besetzten sozialen Zentren in Westeuropa

 

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Einführung

Im Jahr 2013 kam eine Gruppe von Aktivist_innen zusammen, um die Geschichte der Berliner Hausbesetzer_innenbewegung digital und interaktiv abzubilden. Über das Konzept der Kartierung der Bewegung schreiben sie: „Da die Aneignung des urbanen Raumes das zentrale Thema der Hausbesetzer_innenbewegung ist, muss auch ihre Geschichte räumlich dargestellt werden.“ Ziel der Berliner Gruppe ist es, jene selbstverwalteten und kollektiven Räume“ sichtbar zu machen“, die sich in der Stadt fanden und finden, und die „Entwicklung und räumliche Ausdehnung der Bewegung“ nachvollziehbar machen.

Es ist überflüssig zu erwähnen, dass sie eine beeindruckende Arbeit geleistet haben. Ihre Website bietet einen nahezu vollständigen Überblick über besetzte Plätze in Berlin seit den 1970er Jahren und stellt eine enorme Menge an Informationen und Material zu den einzelnen Besetzungen bereit. Die Seite bietet zudem nicht nur eine erstaunliche Anzahl von Beiträgen, sondern auch Fotos, gescannte Dokumente, eine Chronologie, Informationen zu Veranstaltungen und Organisationen, wie Demonstrationen, Infoshops und dergleichen, die mit Hausbesetzungen zusammenhängen.

Natürlich erfordert ein solches Projekt enorme Arbeit und Koordination. Die Berliner Gruppe erhielt ihre Daten aus Bewegungspublikationen, Zeitungsartikeln, Interviews mit Aktivisten und Archivforschung. Wie sie schreiben, hat sich diese Aufgabe auf „mehrere Jahre selbstgestützte Forschung“ ausgeweitet, da die so gesammelten Daten „in immer umfangreichere Excel-Tabellen eingegeben wurden“. Da diese Art von Forschung von mehreren Personen gleichzeitig durchgeführt wurde, waren Engagement und Kommunikation essentiell.

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Die Seite von Berlin Besetzt ist ein wertvolles Instrument für die historische Forschung und die Reflexion von Aktivisten über die Geschichte und die Gegenwart der urbanen sozialen Bewegungen. Interessanterweise reflektiert die Berliner Gruppe dies zweifach. Als Gruppe glauben sie, dass die historische Abbildung der Bewegung eine politische Intervention darstellt, da sie zeigt, dass es Interventionsmöglichkeiten gab und gibt. Andererseits zitieren sie „ältere Aktivisten“, die ihnen sagen, dass es „Unsinn“ wäre so viel Zeit damit zu verbringen, die Geschichte einer Bewegung zu studieren, die „gescheitert und verschwunden“ ist.

Die beiden oben erwähnten Fragen, das Engagement und die Kommunikation zu einem Projekt und die Frage, ob eine Bewegung eine politische Intervention darstellt oder ob es sich um einen bloßen „Unsinn“ handelt, sollten eine wichtige Rolle spielen, wenn andere Gruppen dem Beispiel von Berlin Besetzt folgen. Als andere Aktivist_innen und Akademiker_innen die Karte gesehen haben, wollten sie etwas Ähnliches machen. Dabei kam das Squatting Europe Kollective (SqEK) ins Spiel.

SqEK ist eine Gruppe von Aktivisten, die zu Hausbesetzer_innenbewegungen arbeiten. In der Forschungsagend (in EN / ES / FR / IT) heißt es: „Unser Ziel ist es, zuverlässige und genaue Kenntnisse über diese Bewegung nicht nur als Selbstzweck, sondern auch als öffentliche Ressource, vor allem für Hausbesetzer_innen und Aktivist_innen zu produzieren. Kritisches Engagement, Transdisziplinarität und vergleichende Ansätze sind die Grundlagen unseres Projektes.“
Das Kollektiv repräsentiert eine breite Forscher_innengruppe, die aus unterschiedlichen Disziplinen stammt und sich auf unterschiedliche Interessenfelder konzentriert. Während manche sich auf die politische Geschichte der Hausbesetzer_innen konzentrieren, zielen andere darauf ab, soziologische Analysen der gegenwärtigen Hausbesetzer_innenszenen zu entwickeln oder Hausbesetzungen aus philosophischer oder kultureller Perspektive zu betrachten. Die Stärke der Gruppe liegt in ihrem Fokus auf der Förderung der Interaktion und den Übergängen zwischen diesen verschiedenen Ansätzen.

Das Kollektiv organisiert jährliche Konferenzen und hat verschiedene Bücher und Bände verfasst und herausgegeben. Dies war auch die Inspiration für ein vergleichendes Forschungsprojekt zu Hausbesetzer_innen-Bewegungen in zwölf europäischen Städten. Unter dem Motto MOVOKEUR zielte das Forschungsprojekt darauf ab, die Kontexte zu analysieren, in denen diese Bewegungen gedeihen, Protestzyklen sich entwickeln, wie Prozesse der Institutionalisierung sich gestalten und auf die Art und Weise wie Identitäten durch diese Bewegungen geprägt und beeinflusst werden. Grafische Darstellungen von einigen dieser Themen sind online verfügbar.

Ausgangspunkt des Projekts war es zunächst, für diese zwölf Städte Datenbanken zu besetzten sozialen Zentren aufzustellen. Diese würden dann die Rohdaten für weitere Analysen bereitstellen. Dies stellt die Grundlage für individuelle Fallstudien sowie Vergleichsstudien bereit, die von Palgrave Macmillan 2017 in Buchform veröffentlicht werden. Bereits jetzt sind Datenbanken und Artikel über diese Daten online verfügbar.

Während die Daten über besetzte soziale Zentren in verschiedenen Städten gesammelt, kompiliert und verarbeitet wurden, schien es bald nur logisch, die so erzeugten Datensätze durch digitalisierte, interaktive Karten zu visualisieren. So war dies eine zwar ungeplante, aber sehr willkommene Ausgründung aus dem ursprünglichen MOVOKEUR-Projekt. Dennoch wurde dieser Schritt erst durch die Inspiration der Berlin Besetzt-Seite und deren Fachwissen ermöglicht, da auch einige Berlin Besetzt-Forscher_innen zum SqEK-Netzwerk gehören.

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Dennoch entwickelte das SqEK-Mapping-Projekt schnell eine eigene Dynamik. Getreu dem Kerngedanken des Kollektivs wurde das Kartierungsprojekt von unten organisiert. Es gibt keine zentrale Koordinierungsstelle, die das Gesamtprojekt leitet oder steuert oder die Kartierung einzelner Städte verwaltet. Neue Gruppen und Einzelpersonen können sich bewerben, um dem Projekt beizutreten und die Stadt ihrer Wahl zu bearbeiten. Das MOVOKEUR-Projekt steht im Mittelpunkt der Bemühungen und deshalb sind mehrere Städte ziemlich gut abgebildet. Gleichzeitig sind aber andere Städte noch lange nicht abgeschlossen. Diese Situation steht in einem direkten Zusammenhang mit der Organisation des Projekts. Wenn neue Menschen dem Projekt beitreten, können sie „ihre“ Stadt auf ihre eigene Art und Weise in ihrem eigenen Tempo abbilden.

Da die Mitwirkenden in verschiedenen Orten Westeuropas verteilt sind, ist es manchmal schwierig, in Verbindung zu bleiben und kollektive Bemühungen richtig zu organisieren. Dabei kann es mitunter schwierig sein, über E-Mails zu diskutieren. Einige fühlen sich durch eine Mail nicht angesprochen, die an alle gerichtet ist. Dieses Thema ist mit den bereits erwähnten Themen Engagement und Kommunikation verbunden.

Da SqEK ein transnationales Kollektiv ist, spielt dabei auch die Frage der Sprache eine Rolle, weil Englisch die dominierende akademische Sprache ist, während es die Muttersprache nur einer kleinen Minderheit in der Gruppe ist, und weil das MOVOKEUR-Projekt in spanischsprachige Forscher_innen, die an Städten im spanischen Staat arbeiten, und Forscher_innen, die vorwiegend in Englisch kommunizieren, die an nordeuropäischen Städten arbeiteten.

Obwohl die Bottom-up-Struktur dem SqEK-Mapping-Projekt seine Vitalität verleiht, gibt es auch gewisse Nachteile. Vor allem können viele der SqEK-Karten (noch) nicht den Anspruch auf Vollständigkeit wie bei Berlin Besetzt vorweisen. Der Webentwickler fügte erst im Mai 2015, als das MOVOKEUR-Projekt offiziell zu Ende ging, die Möglichkeit hinzu, Fotos hochzuladen. Daher haben einige Städte wie Amsterdam, Barcelona, Brighton und Madrid keine visuellen Dokumente hochgeladen, da die Arbeit beendet war, bevor diese Möglichkeit bestand und dann keine weiteren wirtschaftlichen Ressourcen zur Verfügung standen, um die Arbeit fortzuführen.

Da die Kommunikation zwischen den verschiedenen Mappern nicht immer optimal ist, besteht ein Risiko für die Einheitlichkeit der Daten (und Datenverarbeitung), die auf der Grundlage des Mappingprozesses stehen. Beispielsweise verwenden verschiedene Städte oft unterschiedliche Zeitrahmen für ihre Mapping-Projekte, während es auch unterschiedliche Ansichten über die Arten von Hausbesetzungen gibt, die abgebildet werden sollten. Während die meisten Projekte sich auf die primäre Kartierung von besetzten sozialen Zentren konzentrieren, nehmen andere auch Hausbesetzungen zu Wohnzwecken auf.

Nicht zuletzt lassen die SqEK-Karten noch den optischen Reiz der Berlin Besetzt-Seite vermissen. Die Karten sollten vom Entwickler mit einer der Berliner Karte ähnlichen Qualität produziert werden, aber dies ist eindeutig noch nicht der Fall. Berlin Besetzt hat mehr Features und sieht insgesamt viel hübscher aus. Das ist natürlich entscheidend für ein Projekt, das die verschiedenen Squatter-Initiativen „sichtbar“ macht, wie die Berliner Gruppe es ausdrückte.

Um die Herausforderungen des SqEK-Mapping-Projekts besser zu verstehen und effektiv voranzutreiben, ist es entscheidend, einen besseren Überblick darüber zu erhalten, wie das SqEK-Kollektiv in der Praxis funktioniert. In Anbetracht der signifikanten Unabhängigkeit der einzelnen Mapper, die dem Bottom-up-Ansatz von SqEK treu bleiben, werden in diesem Beitrag Fragen zu den einzelnen Mappern gestellt. Welche Herausforderungen begegnen euch bei der Kartierung „eurer“ Städte? Wie seht ihr diese Herausforderungen und wie behandelt und reflektiert ihr diese? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels, in dem wir uns auf die einzelnen Projekte konzentrieren, die den Aufwand des SqEK-Mapping ausmachen. In einem abschließenden Absatz werden wir über die allgemeineren konzeptionellen Fragen nachdenken, die durch die individuellen Erfahrungen der Mapper hervorgerufen werden.

Der Prozess der Kartierung

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Auf der Website von maps.squat.net finden sich Stadtpläne von Amsterdam, Barcelona, Brighton, London, Madrid, Potsdam und Rotterdam. Informationen zu weiteren Städten wie Kopenhagen, Hamburg, Leiden, Oslo, Paris und Sevilla folgen. Die zuerst genannten Karten werden als abgeschlossen betrachtet, da die Forscher_innen die Eingabe von Daten mittlerweile abgeschlossen haben.

Natürlich kann ein solches Projekt nie als vollendet betrachtet werden, da es immer neue Besetzungen zum Hochladen gibt. Außerdem werden immer mehr Menschen Besetzungen aus der Vergangenheit hinzufügen. Dieser Prozess wird durch ein zusätzliches Feature (ein Kommentar-Formular), bei dem anonym Besetzungen zugefügt werden können, erleichtert. Dieses Feature basiert auf dem Bottom-up-Ansatz von SqEK und es ist zu hoffen, dass auf diese Weise die Crowdsourcing-basierten Informationen ein wichtiger Teil sowohl der alten als auch der neuen Karten werden können.

Dennoch werden gegenwärtig die Städte individuell oder durch Gruppen bearbeitet. Auf Wunsch haben die meisten von ihnen auf unseren Aufruf geantwortet und uns kurze Überlegungen über ihre Erfahrungen geschickt. Im Folgenden werden wir die Erfahrungen derjenigen zitieren, die folgende Städte darstellen: Amsterdam, Barcelona, Brighton, London, Madrid, Paris, Potsdam und Rotterdam. Dabei konzentrieren wir uns auf konkrete Fragen, wie zum Beispiel:

  1. Welche Art von Quellen hast du verwendet und auf welche Weise hast du die gesammelten Informationen verarbeitet?
  2. Wie definierst du die Besetzungen, die du kartografierst?
  3. Ist Ihre Karte vollständig, ist das Projekt beendet?
  4. Wie hast du den Kartierungsprozess erlebt und welche Auswirkungen hat er auf dich oder auf deine Umwelt?

Amsterdam

Amsterdam

Mit 171 Projekten von den 1960er Jahren bis Ende 2013 ist Amsterdam noch lange nicht fertig. Ich verbrachte gut eine Woche am Institut für Sozialgeschichte (IISH) in Amsterdam, verschlang Informationen und las alle Grachtenkranten, die Hausbesetzer-Zeitung, die über sechshundert Ausgaben zählt und von 1979 bis 2008 erschien. Nicht in Amsterdam zu leben, erschwerte meine Forschung, obwohl einige Leute ein bisschen helfen. Es gibt eine Sache, die wirklich durch die Karte zum Vorschein gebracht wird. Wenn ihr den ‚all years‘ -Kasten deaktiviert und den Timer langsam von Jahr zu Jahr ziehen, seht ihr die Anzahl der Projekte aus den 1970er und 1980er Jahren, die noch existieren. Viele dieser Projekte halten sich an radikale Politik und sind noch heute mit der Bewegung verbunden. Damit stellen sie eine gewaltige Infrastruktur zur Verfügung und bilden für die heutigen Aktivisten eine Art lebendige Geschichte. Durch die einfache Tatsache ihres Fortbestehens bieten diese Orte einen gewaltigen Schub für die gegenwärtigen Kämpfe.

Barcelona

Die Karte von Barcelona umfasst die gesamte Metropolenregion. Es enthält nur besetzte soziale Zentren. Besetzte Häuser, die Wohnzwecken dienen sind ausgeschlossen. Aufgrund ihrer großen Anzahl wäre es extrem schwierig, eine vollständige Auflistung von ihnen zu bieten. Insgesamt umfasst die Karte rund sechshundert soziale Zentren, die grundlegende Informationen über jedes von ihnen bereitstellt. (vor allem die Start- und Räumungstermine).

Unsere Daten über Sozialzentren von 1995 bis heute wurden von den Webseiten Info-Usurpa und Contra-Infos bezogen. Diese beiden Werkzeuge ermöglichten es, auf einfache Weise Wissen über eine große Anzahl von politischen Besetzungen zu sammeln. Für die aktuellsten Informationen konnten wir die Website 15mpedia.org als Informationsquelle nutzen. Für den Zeitraum vor 1995 haben wir dies aus bibliographischer Forschung und aktivistischem Wissen gezogen.

Aus verschiedenen Gründen ist es zunehmend schwieriger geworden, jüngste Ereignisse und Squatter-Aktionen abzubilden. Zunächst ist seit der Entstehung der 15 M Bewegung im Jahr 2011 die Zahl der Besetzer_innenaktionen dramatisch gestiegen. Darüber hinaus wird die Kommunikation innerhalb der Bewegung mitunter durch die Heterogenität der Bewegung selbst behindert. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen einer alten und einer neuen Generation von Hausbesetzer_innen, das gleiche gilt für katalanische und ausländische Hausbesetzer_innen.

Interessenten können auf die Karte zugreifen und neue Informationen hinzufügen. Bisher hat jedoch nur ein Kollektiv ein Update auf die ursprüngliche Datenbank gepostet. Dies kann auch durch die begrenzte Öffentlichkeit erklärt werden, die wir auf der Karte unter Aktivist_innen gegeben haben.

Brighton

Brighton

Das Mapping für Brighton machte Spaß, weil ich dort lebte und so Zugang zu Menschen hatte, die in verschiedenen Zeiten von den 1970er Jahren bis heute besetzten. Das bedeutet, dass die Karte ziemlich voll ist, zumal (im Vergleich zu den anderen Städten hier) Brighton nicht sehr groß ist. Natürlich kommen noch Projekte hinzu.

London

Hackney,London

Die meisten Leute spotteten, als ich ihnen sagte, dass ich Hausbesetzungen in London auf einer Karte abbilden würde, denn die Stadt ist so groß und hat Tausende, wenn nicht gar Hunderttausende von Besetzungsaktionen seit den 1960er Jahren erlebt. Die Begrenzung des Projekts auf die Zuordnung von sozialen Zentren erleichterte die Arbeit, auch wenn das Ergebnis noch viel mehr Input erfordert. Bisher wurden 263 Projekte eingefügt.

Die Informationen für die Karte wurden vor allem im 56a Infoshop in Elephant & Castle, London, gesammelt. Dies ist ein selten langlebiges Bewegungsprojekt, das ein großes Archiv hat. Ihr Vorschlag war, Fotos von Projekten (damals und heute) hinzuzufügen, was ein großer Zusatz wäre, aber auch eine Menge Arbeit. Überraschenderweise war das Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam auch sehr hilfreich bei der Suche nach Orten aus den 1980er Jahren, ein Jahrzehnt, für das die Karte noch lange nicht abgeschlossen ist.

Madrid

Als wir unsere Karte begannen, konnten wir uns auf die Arbeit anderer verlassen. Einer von ihnen hat Squatter-Aktionen bis Mitte der Neunzigerjahre aufgelistet, während andere sich mehr auf die jüngsten Kniebeugen konzentrierten, z. B. okupa tambien, agita madrid und 15mpedia.

Ein Problem mit diesen Quellen war jedoch, dass sie nicht vollständig waren und dass viele Dateneingänge falsch waren. Wir konnten viele der Informationen überprüfen und neue Fälle hinzufügen, indem wir Besetzer_innen- und Mainstream-Seiten auswerteten. Oft war das Wissen aus erster Hand entscheidend für die Überprüfung der Daten.
Aus unseren Bemühungen entstand eine Gruppe, die von 2008 bis 2010 regelmäßig zu Forschung und Diskussion über die Geschichte der Besetzer_innen in Madrid zusammenkam. Diese Treffen ebneten unter anderem den Weg für eine Buchveröffentlichung.

Unsere Datenbank ist auf soziale Zentren begrenzt und umfasst den Zeitraum von 1977 bis 2015. Diese Auswahl begründet sich vor allem durch die Tatsache, dass Informationen über diese Besetzungen leichter zugänglich und öffentlich sind. Alle befinden sich in der Metropolenregion von Madrid (Gemeinde und Region). In einem Fall ist eine Besetzung aus einer angrenzenden Provinz (Guadalajara) aufgrund ihrer aktiven Rolle in der Kampagne gegen die Vertreibung von sozialen Zentren im Jahr 2008 enthalten. Darüber hinaus sind vierzehn Fälle von Besetzungen städtischer Grundstücke enthalten. In den meisten Fällen waren regelmäßige Hausbesetzer_innen an diesen Projekten beteiligt, und viele dieser Räume fungierten als eine Art soziales Zentrum im Freien. Insgesamt handelt es sich um 155 Besetzungen, obwohl zu beachten ist, dass nur acht für den Zeitraum zwischen 1977 und 1980 registriert sind.

Besetzte Wohnhäuser sind von der Liste ausgeschlossen. Normalerweise verzichten Hausbesetzer_innen darauf, die Wohnfunktion eines besetzten Hauses zu kennzeichnen, denn das bringt mehr rechtliche Risiken mit sich. So erwähnen die Forscher_innen die besetzten Wohnhäuser nicht, es sei denn, eine gewisse Zeit ist bereits vergangen. Dies gilt speziell für die derzeit besetzten Häuser oder die jüngsten der letzten 5 Jahre.

In der Tat, weniger als dreißig besetzte sozialen Zentren sind bewohnt. In einigen Fällen war der ursprüngliche Zweck einer Besetzung, eine Wohnmöglichkeit zu schaffen. Häufig wurde aber im Nachgang beschlossen, Teile des Gebäudes als kulturellen und politischen Ort zu öffnen.

Paris

Die Karte für Paris ist noch nicht fertiggestellt. Es ist ein langwieriger Prozess. Ich arbeite mit einer Datenbank von rund 400 Besetzungen seit den 1950er Jahren. Ich habe die Daten für eine Untersuchung über Besetzungen und Stadtpolitik zwischen 2010 und 2015 gesammelt. Die Daten wurden gesammelt und durch Interviews mit Hausbesetzer_innen und ehemaligen Besetzer_innen für die jüngste Zeit, auch durch Presse-Reviews und Analyse von Internetdokumenten (squat.net + Intersquat) ergänzt. Für die ältesten Besetzungen verwendete ich Arbeiten von Historikern (ua C. Pechu und B. Colin) und Presseberichte. Für jede Besetzung versuchte ich, Informationen für 20 Variablen über Lage, Zeitraum, Art der Eigenschaft, Art der Besetzung, Beziehungen mit Behörden, mit Nachbarn usw. zu finden…

Aber die Datenbank ist nicht vollständig, denn der Fokus liegt vor allem auf dem Pariser Zentrum und seinen nächsten Vororten, während es auch viele Besetzungen in den Vororten gab und gibt. Außerdem sind die meisten Besetzungen in Paris (wie in den meisten europäischen Städten) unsichtbar und können nicht als soziale Zentren betrachtet werden. Sie sind eher besetzte Wohnhäuser, wo verschiedene Arten von Bevölkerung leben, meist sehr prekär, in Paris und seinen nördlichen Vororten. Ich habe eine aggregierte Datenbank (von Abteilungen), und ich werde sie nicht in der SqEK-Karte integrieren. Wir können schätzen, dass es mehr als 3000 Besetzungen dieser Art in der Region Paris gibt.

Eine Karte ist eine wichtige Ressource für beide Seiten. Statistiken und Karten sind Werkzeuge für die Macht: Regierungen können Datenbank nutzen, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Allerdings können soziale Bewegungen und widerständige Gruppen dieses Tool nutzen, um zu widerstehen und ein alternatives Wissen wie etwa über die Geschichte der Besetzungen entwickeln. Daher besteht das Problem darin, diese Karte zu einem Werkzeug für den Widerstand zu machen. Unter vielen Diskussionen, die wir mit SqEK-Mitgliedern und anderen Aktivisten hatten, fand ich die Idee, nur besetzte soziale Zentren zu kartieren, die geschlossen sind, sehr interessant. Das Thema ist wichtig. Auf der einen Seite ist es notwendig, den Willen der Kollektive zu respektieren, nicht auf der Karte sichtbar zu sein. Auf der anderen Seite könnte diese Arbeit auch Teil eines Prozesses der Gedächtnisbildung für soziale Bewegungen sein.

Potsdam

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Die Karte ist fast vollständig und dokumentiert die Geschichte der Besetzungen in Potsdam zwischen 1985 und 2006. Anfang der 1990er Jahre war Potsdam ein Zentrum der deutschen Besetzer_innenbewegung.

Es war nicht leicht, all dieses Material zu finden. Es gab keine zusammenhängende Sammlung von Informationen über dieses lokale Phänomen, die relevanten Quellen sind an verschiedenen Orten verstreut. Die Quellen dieser Sammlung sind Zeitungen, verschiedene Archive, Flyer aus der Bewegung, Interviews mit Hausbesetzern, Videoclips, Bilder …. Viele ehemalige Hausbesetzer gaben mir ihre Materialsammlungen und unterstützten dieses Projekt.
Einige Häuser haben eine Beschreibung, für viele Gebäude wurden keine Hintergrundinformationen gefunden.
Ich habe eine kurze Geschichte der Besetzungen angefügt und versucht, dies aus einer historischen Perspektive zu erklären. Ein zentraler Punkt in diesem Beitrag ist der Systemwechsel 1989/1990, wo öffentliche Besetzungen entstanden. Ich versuche, die Hauptlinien der Entwicklung und die Verbindung zwischen den stillen Besetzungen in der DDR und der Praxis der Besetzungen nach dem Fall der Berliner Mauer zu zeigen. Die Karte macht es möglich, die Vielfalt der Besetzungen, lokale Konzentrationen, Räume der öffentlichen Kämpfe und vieles mehr zu zeigen.

Rotterdam

Rotterdam

Rotterdam hat eine weitgehend verborgene Squatting-Geschichte, so musste mit der Forschung erst begonnen werden. Da ich in Rotterdam in den 2000er Jahren besetzte, hatte ich etwas Vorsprung und ein Hausbesetzer aus den 1980er Jahren war sehr hilfreich. Ansonsten unterstützten mich die Menschen, aber sie waren nicht sehr interessiert Zeit mit dem Hinzufügen von Orten zu verbringen oder sie konnten sich nicht an sonderlich viele zusammenhängende Informationen aus ihren Besetzer_innenzeiten erinnern. Das Stadtarchiv hatte eine begrenzte Menge an Informationen, aber was die Suche revolutionierte war der Tipp von den Leiden-Mappers, delpher zu verwenden, eine Website, die die Online-Suche von digitalisierten Zeitungen aus dem 20. Jahrhundert in einem sehr einfachen Format erleichtert. Ich begann damit eine zweite Phase der Forschung (die noch nicht abgeschlossen ist), in der ich die Besetzungen der 1970er und 1980er Jahre recherchiere. Während zweifellos einige Leute darüber Bescheid wissen, da sie Beteiligte in dieser Zeit waren, ist für mich alles ganz frisch. Ich lese über den Phoenix Motorclub, der sich eine Reihe von Plätzen für seine Werkstätten aneignete, Aktionsgruppen, die Gebäude für „gastarbeiders“ okkupierten (ausländische Wanderarbeiter), Gemeinden, die gegen Leere und Verlassenheit protestierten, wie die Leute von Spangen ihre Bäder erneut öffneten, Künstler_innen, die sich selbst mit Atelierraum versorgten, Punks, die die ABN AMRO Bank nach einer Räumung beschädigten, Kids im Süden, die Jugendzentren besetzten und von der Polizei, die während der Räumung einer ehemaligen Fahrradfabrik auf Demonstrierende schießt.
Es ist sehr aufregend, all diese neuen Informationen zu entdecken. Die Karte wird derzeit als Quelle für Daten verwendet, die dann für ein eigenes Projekt genutzt werden, um ein Buch über die Besetzungen in Rotterdam zu produzieren.
Hoffentlich wird die Aufnahme all dieser Projekte dazu beitragen, ein breiteres Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Hausbesetzer_innen die Stadt Rotterdam geformt haben. Leider, wie die Karte zeigt, gibt es nicht so viele aktuelle Projekte. Nichtsdestoweniger erhellt es meinen Tag, wenn ich durch die Stadt ziehe, um Plätze zu sehen, die ich gerade auf der Karte eingegeben habe und sehe, welche Funktion sie jetzt haben.

Das Projekt vorwärts bringen

Die Karten, die wir durch viele Arbeitsstunden produziert haben, haben das Potential, eine wirklich nützliche Ressource zu sein. Im Laufe der Zeit werden die auf crowd sourcing basierten Daten die Karten verbessern und komplettieren. Trotz der Schwierigkeiten, die durch unterschiedliche Ansätze, einen unbeteiligten Entwickler und den transnationalen Charakter des Kollektivs entstehen, bilden die Karten ein erfreuliches Mittel, um unsere akademische Arbeit wieder in eine aktivere Funktion der radikalen Geschichte einzubringen, da mehr Menschen die Karten sehen werden als die, die Artikel und Datenbanken lesen.

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Das Mapping-Projekt zielte darauf ab, die Geschichte der Besetzer_innen in einer einfachen Weise zu präsentieren und diese für ehemalige und neue Aktivisten zu navigieren. Gegenüber wissenschaftlichen Beiträgen eröffnen die Karten, Bilder, Orte, Kurztexte und Links mehr Möglichkeiten, sich auf diese Geschichte einzulassen. Sie geben auch Hinweise darauf, Städte und Stadtgebiete innerhalb der Städte zu vergleichen. Eine Karte ist nur ein Instrument, um den Zugang zu Informationen zu erleichtern und Wissen zu erzeugen, obwohl alle politischen Implikationen für diejenigen verantwortlich sind, die diese Informationen interpretieren. Besetzte Projekte tendieren dazu, übergangen, stigmatisiert und missverstanden zu werden, so dass die Karten zu der öffentlichen Debatte über sie beitragen kann. Als kollaboratives Tool für Anregungen von Besucher_innen der Webseiten bündelt es die aktivistischen Szenen ergänzend zu den von SqEK produzierten Treffen, Vorträgen und Publikationen. Angesichts der Komplexität der technischen Aspekte (neue Ikonen für die Legenden, die Umsetzung von Abfragen, Skalen, verschiedenen Sprachen usw.) und die sozialen Netzwerke der beteiligten Personen (Datenerfassung, Datenerfassung, etc.) ist das Projekt sicher eine laufende Arbeit, die in den kommenden Jahren verstärkt werden und vielleicht mit Ähnlichem verbunden sein muss.
Schließlich, wie man erwarten würde, gab es Bedenken für viele über die Nützlichkeit der Karten für den Staat und andere repressive Organisationen, ein Thema, das viel Diskussion verursacht hat. Es gibt keine einfache Antwort und verschiedene Städte näherten sich den Karten auf unterschiedliche Weise. Ein Ansatz war, lediglich soziale Zentren zu profilieren, die in einem lockeren Sinne als politisch aktive Besetzungen offen für alle sind und daher bereits eine öffentliche Präsenz aufweisen. So waren diese Orte bereits in den Medien präsent und hatten oft Webseiten, so dass die Karten nicht mehr enthüllten, wie in den Datensammlungen bereits verfügbar war. Ansonsten wurde eine Stadt angefordert, aus der Datenbank genommen zu werden, da die Teilnehmer_innen der lokalen Hausbesetzer_innen beschlossen, dass sie lieber nicht in einer öffentlich zugänglichen Karte profiliert werden wollen. Wie aus den obigen Einzelzugängen ersichtlich ist, nutzen die Menschen das Mapping-Projekt unterschiedlich und neue Forschungsmöglichkeiten sind das Ergebnis. Der Vorgang läuft. Dabei sind natürlich noch Fragen zu beantworten, zum Beispiel: Was können wir mit dieser Art von Visualisierung sinnvoll sagen? Können wir Beziehungen zwischen den verschiedenen lokalen Bewegungen in Europa vertreten? Wie können die Karten weiter wachsen?

Verfasst von (in alphabetischer Reihenfolge):
Thomas Aguilera
Claudio Cattaneo
E.T.C. Dee
Miguel Martinez
Bart van der Steen
Jakob Warnecke

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